aus: die datenschleuder #074-5/9 / Frühjahrsimulation 2001
für das Internet bearbeitet

Staatssicherheit aufgelöst
oder:
das Operationsgebiet eingenommen?

„Nach langer Verzögerung der Antwort leugnet die Bundesregierung nun weitgehendst die skandalösen Vorgänge, die mir während meiner USA-Reise unmißverständlich berichtet wurden:
[...] daß die CIA derzeit mit tatkräftiger Unterstützung bundesdeutscher Dienste ehemalige Stasi-Offiziere unter Vertrag nimmt.”

Aus einer Presseerklärung der innenpolitischen Sprecherin von Bündnis 90 / Die Grünen vom 10.03.1992, Ingrid Köppe


Ergebnis einer bisher erst groben Analyse von Datenhinterlassenschaften

Manche Artikel basieren auf langen Geschichten. Bei anderen Artikeln ist es genau umgekehrt: Artikel verursachen lange Geschichten. Bei diesem Artikel ist die Geschichte evtl. in beide Richtungen gleich lang. Und zwar ziemlich.

Als die Deutsche Demokratische Republik (DDR) aufgelöst wurde, hat sie neben merkwürdigen Erinnerungen auch noch - so glaubte man - eine der am besten dokumentierten Aktenlage der zweitbesten "politischen Geheimpolizei" der Welt hinterlassen. Die Gauck-Behörde, offiziell "Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik" verwaltet immerhin etliche Tonnen Akten und macht sie den betroffenen - Tätern wie Opfern - mit gewissen datenschutzrechtlichen Einschränkungen zugänglich. Geschichtsaufarbeitung sollte möglich werden.

Die Bürger der ehemaligen DDR schienen erreicht zu haben was sie wollten: das Ministerium für Staatssicherheit (die "Stasi") war aufgelöst, die DDR auch, ein paar leitende Funktionäre im Gefängnis und die DDR jetzt BRD. Und jetzt kommen wir zu den Schönheitsfehlern dieser Operation.

Bei der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit wurden ja, wie das neudeutsch so schön heißt, "einige Arbeitskräfte auf den Markt freigesetzt." Schon die Frage wie viele Mitarbeiter das Ministerium für Staatssicherheit denn hauptamtlich hatte, lässt sich leider nicht so einfach beantworten. Es gibt zwar einen Haufen Akten, und Personallisten, aber die Interpretationen dieses Materials gehen dann doch eher weit auseinander.

Nun war für die Bürger der ehemaligen DDR die Frage, wer denn nun früher für die Stasi gearbeitet hat oder nicht, schon eine Frage. Man wollte schließlich nicht mit den selben Genossen noch einmal die - vermeintlich neuen Staatsstrukturen aufbauen. Hilfreich war u.a. die "Liste der Hauptamtlichen Mitarbeiter des MfS" die seit den frühen 90´er Jahren durch Publikationen der DDR-Bürgerbewegung verbreitet wurde. Sie enthält rund 100.000 Mitarbeiter bzw. Datensätze (genau: 97.058 plus minus ein paar) und gilt - präzise galt - als authentisch. Auch die juristischen Auseinandersetzungen, die die Verbreiter dieser Liste bekamen ("Die Andere" Berlin wegen Abdruck, Neues Forum Halle wegen Auslegen und www.nierenspende.de wegen Verbreitung im Netz), sprachen zumindest dafür, daß die Liste echte Namen enthält.

Als die Bürgerbewegten die Daten in den frühen 90er Jahren mit dBase verarbeiten, waren die damals genutzten 386er eher an den Grenzen ihrer Belastung. Bei 100.000 Daten fielen komfortable Suchaktionen und Quervergleiche eher aus. Das ist zum Glück heute etwas anders.

Im Kontext eines Kongresses in der ehemaligen Parteischule der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) der ehemaligen DDR kam neulich mal jemand vorbei und erzählt merkwürdige Geschichten: das ungefähr die Hälfte der Stasi-Mitarbeiter kurz vor der sogenannten Wiedervereinigung unter den Tisch gefallen sei. Zunächst war ein etwas toleranter Umgang mit dem Fassungsvermögen der eigenen Hirnstrukturen gefordert: die Mauscheleien zwischen Ost- und Westdiensten, die der junge Mann skizzierte, waren zwar in sich schlüssig, entbehrten allerdings auch nicht einer gewissen Komplexität. Nachweise sollten folgen.

Ein Hinweis war, daß mit der erwähnten Mitarbeiterliste der hauptamtlichen Mitarbeiter etwas nicht stimmte; bestimmte Geburtstage würden in ihnen fehlen. Und damit fängt die Geschichte an, auch wenn dieser Artikel nur eine erste Auflistung von Merkwürdigkeiten liefern kann.

Die Mitarbeiterliste der hauptamtlichen Mitarbeiter ist im Netz verfügbar: mit dem Dateinamen ma_stasi.zip wird man z.B. fündig. Welche Version Ihr allerdings im Netz findet, die von welcher Dienststelle welchen Geheimdienstes modifiziert wurde, kann ich euch nicht sagen.
Als Orientierung kann http://cryptome.org/stasi-list.htm helfen.

Die Struktur dieser Datenbank bzw. Liste besteht aus:

Die PKZ ist das Identifikationskennzeichen für DDR-Bürger. Sie setzt sich zusammen aus Geburtsdatum (TTMMJJ), Geschlechtskennzeichen ( 4 = m; 5 = w ), 4-stelliger Ursprungskennziffer (erste Anmeldung) und einer Prüfziffer. Der Algorithmus liegt vor. Die Datenbank der Ursprungskennziffer ist derzeit noch in der Erstellung (schlecht lesbare Papiervorlage). Die Papiere gibt es in Kürze.

Der Diensteinheitenschlüssel besteht aus 3 Gruppen á zwei Ziffern, wird aber zusammengezogen interpretiert. Er gibt die Einheit des MFS an, bei dem der/diejenige gearbeitet hat.

Die genaue Bedeutung des Gehaltsfeldes ist umstritten. Einige behaupten, es handele sich hier um das Jahresgehalt. Andere sagen, es sei das Gehalt seit Frühjahr 1989. Dritte sagen was ganz anderes. Klar ist:
Die Liste enthält Gehaltszahlen aus denen sich möglicherweise ein Hierarchiestatus interpretieren lässt. Das kann Information oder Desinformation sein.

Häufigkeitsverteilungen von Geburtstagen in einer Liste von hauptamtlichen Mitarbeitern des MfS

TagJan.Febr.MärzAprilMaiJuniJuliAug.Sept.Okt.Nov.Dez.Sum
1 2612923162552712562462882282992592423 213
23192922752402792472802632582892532513 246
32632602812672772862622542842662612853 246
42822552992642712622672422762712762313 196
52632922912652732353012562982692502363 229
62582882692782842652642712642942512333 219
72932953132683012542572842552862582803 344
82842913032762632812282432522612902573 229
92642802932533122792582412382652782753 236
102752853082582732372482552802622712733 225
112552852662902822722692982772642472443 249
122532932682682562362742483032372812683 185
132592752963102422832362602602252702893 205
142452733032612612522612562812632462713 173
152792942962622882732562652922542232703 252
162812592622673072772572453252732652453 263
1729720 000002332292462751 282
182532892923092802812822542972472702643 318
192703082822882592642682673282282512363 249
203092912692733032752552453102552632743 322
212502862992452792602632363112792672683 243
222802872712652412432602652912432452693 160
232832592992972882722592683302772682903 390
242802832572732872602242632862332382613 145
252903332902942822682872612982632542613 381
262772663052552842712582453262712852343 277
272673123032712532222772763272422692383 257
283082892942682792812742683112522652623 351
29287712922752792652572753172642502643 096
30275***3113132772682802642892432752653 060
31289***269***254***237271***239***2581 817
Su8 5497 7858 6727 908 8 2857 6257 8457 8278 625 8 0437 8258 06997.058

Zunächst sind wir also dem Hinweis auf Unregelmäßigkeiten im Bezug auf die Geburtsdaten nachgegangen. In der Tat scheint es bei der Stasi gewisse geburtenschwache Tage gegeben zu haben; unabhängig vom Geburtsjahr der jeweiligen finden sich weder am 17.03., 17.04., 17.05., 17.06., 17.07., 17.08. irgendwelche Einträge. Am 17.02. finden sich zwar 2 Einträge, allerdings sind beide aus dem Jahrgang 1927. Bei allem Verständnis für historische Aufarbeitung handelt es sich hier offensichtlich um Rentner.

Alle anderen Geburtstage scheinen in der Datenbank sehr gleichmäßig verteilt zu sein. Bei einer groben Annahme (Sollwert) von 100.000 Einträgen, geteilt durch die Anzahl möglicher Geburtstage (365) wäre der mathematische Richtwert 273 Geburten pro Tag. In Unkenntnis etwaiger geburtenschwachen Tage bzw. Monate handelt es sich bei den vorliegenden Zahlen entweder um eine erstaunlich primitiv frisierte Datenbase oder um eine relativ mittelwertgenaue Geburtsanhäufung.

Diese beiden Indikatoren (fehlende 17. und Mittelwert-Genauigkeit) können insofern nur bedingt als Indizien für eine Datenmanipulation gewertet werden. Für beide sind "natürliche" Erklärungen dankbar. Im Bezug auf die fehlenden Geburten an den 17. kann es sich um einen - immerhin 10 Jahre nicht bemerkten - Datenverlust bei der Konvertierung von Datenträgern schlechter Qualität handeln. Ein entsprechender Hinweis auf mögliche Datenträgerschäden liegt aus den Kreisen der konvertierenden Bürgerbewegten vor, konnte allerdings bis Redaktionsschluss noch nicht verifiziert werden. Ob der Indikator der "gleichmäßigen" Verteilung (die Geburten pro Tag bewegen sich alle passgenau um den Mittelwert von 273) gewertet werden kann, kann ich mangels Hinweisen auf etwaige übliche ungleichmäßigen Verteilungen nicht feststellen.

Wesentlich aufschlussreicher und als deutlichster Hinweis kann da schon der Abgleich der vorhandenen Datensätze der hauptamtlichen Mitarbeiter mit dem Diensteinheitenschlüssel gelten. Von den 2286 insgesamt vorhandenen Abteilungen der Staatssicherheit wären beispielsweise 1349 ohne einen einzigen Mitarbeiter. Diese Unterbesetzung ist wohl selbst bei großzügiger Lesart unrealistisch.

Noch deutlicher wird die Manipulation der HA-Datenbank allerdings, wenn man sich die Diensteinheitenzuweisung im Detail anguckt. Als Beispiel für eine etwas detailliertere Analyse sei hier mal die Hauptabteilung III (Funkaufklärung) genommen. Unter dem "generellen" Diensteinheitenschlüssel 940300 finden sich immerhin insgesamt 2312 Mitarbeiter. In den jeweiligen Diensteinheiten finden sich allerdings keine Mitarbeiter. Eine grobe Hierarchie ließe sich zwar aus den Gehaltszahlungen ableiten, aber keine Zuweisung zu den Diensteinheiten.

Diese Strukturverschleierung tritt bei allen Hauptabteilungen auf, in den Bezirksverwaltungen des MfS hingegen ist sie vorhanden. Wenn die Strukturverschleierung in der Datenbank eine grundsätzlich vom MfS betriebene wäre, würde sie wohl kaum die Bezirksverwaltungen außen vor lassen. Als Beispiel hierfür sei willkürlich Leipzig gewählt.

Hier allerdings liegen die Unterabteilungen offen; lediglich auf der Ebene der Leiter fehlen die Hinweise. Und dann gibt es noch Mitarbeiter in Abteilungen, wo nur die Abteilungsschlüssel vorliegen, allerdings nichts über die Abteilungen selbst bekannt ist.

Als Zusammenfassung dieser ersten groben Analyse muss man wohl feststellen, daß aufgrund dieser deutlichen Indikatoren für eine Manipulation der Datenbestände auch die anderen Abteilungszuweisungen nicht wirklich als verlässliche Werte angenommen werden können. In Zusammenhang mit verschiedenen Hinweisen auf den Zeitraum, der der Staatssicherheit für eine Strukturverschleierung bzw. partielle Verlagerung von Personalbeständen in andere Organisationen (Wirtschaftsunternehmen, staatliche geführte Unternehmungen etc.) zur Verfügung stand, könnte man sich schon Sorgen machen. Wenn man dann noch die Hinweise auf die Übernahme des kompletten Personalbestands einzelner Abteilungen durch andere Dienste - z.B. amerikanische - hinzuzieht, kann man sich wahlweise in schlechter Laune oder Aufdeckung aktiver Strukturen üben.

Um eine gründlichere Analyse durchzuführen, gibt es zunächst verschiedene Gedankenspiele. Die meisten Forschungsanträge der Gauck-Behörde und verfügbare Literatur über die Aktivitäten des MfS betreffen beispielsweise eher thematische als strukturelle Belange. Eine systematische Strukturanalyse wäre also in den jeweiligen Bereichen ein möglicher Ansatz.

Weitere mögliche Herangehensweisen wären durch differenzierte Arbeitshypothesen denkbar. Wenn man beispielsweise die offensichtliche Datenmanipulation der Hauptamtlichen-Liste zusammen mit den Rentenansprüchen ehemaliger HA-ler in die These der gewinnträchtigen Einführung von Personen mit mehreren Identitäten umwandelt, gäbe dies Anlass zur Überprüfung gewisser Geburtstage. Viel Spaß am Gerät.

Andy Müller-Maguhn, andy@ccc.de

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